10 Stufen
Die Treppe der politischen Selbstwirksamkeit
Wählen alle vier Jahre ist nicht das Ende der Geschichte, sondern der Anfang. Hier sind zehn konkrete Wege, wie du als Bürgerin oder Bürger in Deutschland politisch wirklich etwas bewegst, sortiert nach Aufwand.
Du musst nicht oben anfangen und du musst nicht alles tun. Such dir den kleinsten Schritt aus, den du gerade wirklich gehen kannst. Aus einem Brief muss keine politische Karriere werden. Aber aus einem abstrakten Ärger wird damit eine konkrete Handlung.
Wählen gehen
Aufwand: 5 Minuten, alle paar Jahre
82,5 %
Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2025. Hoch, aber rund 11 Millionen Wahlberechtigte sind nicht hingegangen.
Bundeswahlleiterin, 2025
Wählen ist ein grundlegender demokratischer Schritt. Wer eine Wahl ausgelassen hat oder nicht wählen darf, kann trotzdem an jeder anderen Stelle dieser Treppe anfangen.
Eine Petition mitzeichnen
Aufwand: 60 Sekunden
Auf epetitionen.bundestag.de kannst du öffentliche Petitionen mit deinem Namen unterstützen. Bei 30.000 Mitzeichnungen innerhalb von sechs Wochen erreicht die Petition das Quorum für eine öffentliche Beratung im Petitionsausschuss. Das Quorum wurde 2024 von 50.000 auf 30.000 gesenkt.
Einen Brief an deinen Abgeordneten schreiben
Aufwand: 10 bis 30 Minuten

Ein persönlicher Brief richtet dein Anliegen an eine konkrete politische Vertretung. Handschrift kann Zeit und Ernsthaftigkeit sichtbar machen. Dass sie grundsätzlich stärker wirkt als eine gute persönliche E-Mail, ist jedoch nicht belegt. Wenn du nicht weißt, an wen genau du schreiben sollst: dafür habe ich Brief-nach-Berlin gebaut.
Eine eigene Petition starten
Aufwand: ein paar Stunden Recherche
Jeder Mensch kann eine Petition an den Bundestag richten. Du brauchst einen klaren Forderungstext, eine kurze Begründung und genug Geduld, um in sechs Wochen 30.000 Unterstützer zu sammeln. Die meisten Petitionen scheitern am Quorum. Aber selbst eine gescheiterte Petition wird vom Petitionsausschuss bearbeitet und beantwortet, und wer 5.000 Unterschriften zusammenbringt, hat damit oft schon mehr Reichweite erzeugt als drei Lokalzeitungsartikel.
Einen Leserbrief schreiben oder öffentlich posten
Aufwand: 30 Minuten
Lokalzeitungen drucken Leserbriefe oft fast unverändert ab, vor allem wenn sie konkret und auf einen Artikel bezogen sind. Eine Wochenend-Ausgabe wird gelesen, im Café ausgelegt, beim Bäcker besprochen. Ein Post auf LinkedIn oder Mastodon mit Tag an den zuständigen Politiker tut etwas Ähnliches digital. Beides ist sichtbar und macht klar: hier ist eine Wählerstimme mit einer Meinung.
Eine Bürgersprechstunde besuchen
Aufwand: ein Termin, meist abends
Fast jeder Bundestags- und Landtagsabgeordnete bietet einmal im Monat eine Bürgersprechstunde im Wahlkreisbüro an. Termine stehen auf der Website der oder des Abgeordneten oder du rufst im Wahlkreisbüro an. Eine halbe Stunde, gegenüber von einer Person, die in Berlin oder im Landtag mitstimmt. Das ist Demokratie auf Augenhöhe und kostet dich nur die Anfahrt.
Bei deiner Landtagsabgeordneten anrufen oder vorbeigehen
Aufwand: 20 Minuten
Das machen die wenigsten. Und genau deswegen wirkt es. Bundestag ist medial sichtbar, Landtag ist es nicht, also denken die meisten Menschen nicht daran. Dabei entscheidet dein Landtag über Schulen, Polizei, Wohnungsbau, Kitas, Hochschulen, viele Steuern, das halbe Leben.
Ruf im Landtagsbüro an. Frag, ob du persönlich vorbeikommen kannst. Du wirst überrascht sein, wie viel Zeit dir gegeben wird, schlicht weil sonst niemand kommt.
In einem Verein, einer Bürgerinitiative oder einem Ortsverband mitmachen
Aufwand: ein bis zwei Abende im Monat
Ortsverbände der Parteien, lokale Bürgerinitiativen, Vereine zu Mobilität, Klima, Wohnen, Pflege: alle suchen Mitglieder. Du musst nicht gleich eintreten und du musst nicht zu allem ja sagen. Geh zu einer offenen Sitzung, hör zu, frag nach. Aus diesen Gruppen kommen die Menschen, die zwei Stufen weiter oben kandidieren oder Gründungen anschieben. Hier lernst du, wie Politik tatsächlich funktioniert: über Beziehungen, nicht über Ideen allein.
Selbst auf kommunaler Ebene kandidieren
Aufwand: einige Wochen Vorbereitung, ein Wahlkampf
Stadtrat, Gemeinderat, Ortsbeirat, Bezirksverordnetenversammlung in den Stadtstaaten. Der Einstieg ist niedriger, als die meisten denken. Du brauchst keine Parteimitgliedschaft, viele Kommunen haben freie Wählervereinigungen oder Listen, die dich aufnehmen. Eine Stadtratssitzung kostet dich ein paar Stunden im Monat und du entscheidest mit über Schulhof-Sanierungen, Radwege, Bauanträge, Kita-Plätze. Konkret, vor deiner Haustür, sofort wirksam.
Eine eigene Bürgerinitiative, einen Verein oder eine Bewegung gründen
Aufwand: Monate bis Jahre
Die höchste Stufe und die anstrengendste. Wenn dir keine bestehende Gruppe für dein Anliegen passt, gründest du selbst. Sieben Personen reichen für einen eingetragenen Verein, eine Bürgerinitiative geht auch formloser. Das ist die Stufe, auf der aus Wut etwas wird, das andere Menschen mitnehmen kann. Fridays for Future fing mit einer einzelnen Schülerin an, der ADFC mit einer Handvoll Radfahrenden. Du musst nicht die Welt retten. Es reicht, wenn du den Punkt rettest, an dem du wohnst.
Wo fängst du an?
Wenn du heute eine Stufe nehmen willst, kann Stufe 3 ein gut machbarer Anfang sein. Schreib direkt an die Person, die für dein Anliegen zuständig ist. Brief-nach-Berlin hilft dir, diese Person zu finden und den Brief zu formulieren.
Brief schreiben →Häufige Fragen
Was kann ich politisch tun, außer wählen?
Zehn Stufen, sortiert nach Aufwand: 1) Wählen, 2) Petition mitzeichnen, 3) Brief an Abgeordnete schreiben, 4) Leserbrief schreiben, 5) Demonstration besuchen, 6) Bürgersprechstunde besuchen, 7) In Verein oder Initiative mitwirken, 8) Parteimitglied werden, 9) Eigene Bürgerinitiative gründen, 10) Selbst kandidieren.
Was ist politische Selbstwirksamkeit?
Forschung unterscheidet zwei Seiten: das Gefühl, politische Prozesse verstehen und selbst handeln zu können, und die Erwartung, dass Politik Menschen wie dir zuhört. Beides hängt positiv mit Beteiligung zusammen. Ein einzelner Schritt stärkt diese Gefühle aber nicht automatisch oder dauerhaft.
Welche Stufe ist die wirkungsvollste für den Aufwand?
Das lässt sich nicht allgemeingültig beantworten. Für viele ist ein persönlicher Brief ein machbarer Einstieg, weil er ohne Gruppe und festen Termin möglich ist. Dass er die wirksamste Beteiligungsform ist oder die eigene Selbstwirksamkeit sicher stärkt, ist nicht belegt.
Wie wird man Parteimitglied?
Über die Website der jeweiligen Partei. Beitritt kostet meist 10 bis 30 Euro im Monat, einkommensabhängig oft weniger. Mit der Mitgliedschaft hast du Stimmrecht in Programm- und Personalfragen.
Wie gründe ich eine Bürgerinitiative?
Eine Bürgerinitiative ist formlos: drei bis fünf Menschen, ein Thema, ein erster Schritt (Flyer, Stammtisch, Treffen mit der Lokalpresse). Für Bürgerbegehren auf Kommunal- oder Landesebene gelten je nach Bundesland eigene Unterschriftenhürden.
Was Forschung über erste politische Schritte, Selbstwirksamkeit und die Grenzen dieser Idee sagt, liest du unter Was tun gegen politische Ohnmacht?.
